Alfred Bauer
(1898 ‒ 1984)
Verleger
Burchardstraße 11 (Wirkungsstätte: Heinrich-Bauer-Verlag)
Alfred Bauer war der Sohn von Heinrich Bauer, der wiederum der Sohn des Lithographen Johann Andreas Ludolph Bauer (1852-1941) war, mit dem die Geschichte des Heinrich Bauer Verlages 1875 begann. Damals gründete Johann Andreas Ludolph Bauer den Verlag in Hamburg als Visitenkartendruckerei. Sein Standort war bis 1923 der Billhorner Röhrendamm und Billhorner Mühlenweg.
Nach den Visitenkarten folgte 1896 der Druck des Anzeigenblatts „Rotenburgsorter Zeitung“; 1926 dann die Produktion der Programmzeitschrift „Rundfunkkritik“, später in „Funk-Wacht“ umbenannt.
Nachfolger von Heinrich Bauer wurde dessen Sohn Alfred Bauer, der 1918 in den Betrieb eintrat und 1935 Gesellschafter der Firma wurde.
1962 wurde der Verlag in eine Kommanditgesellschaft - Bauer Media Group – umgewandelt. In deren Leitung ist heute Yvonne Bauer (geb. 1977) vertreten.
Die Geschichte des Hamburger Verlegers Alfred Bauer in der Zeit des Nationalsozialismus ist nicht die eines unpolitischen Geschäftsmannes, der lediglich versuchte, seinen Verlag durch schwere Zeiten zu steuern. Vielmehr zeichnen die Akten das Bild eines Mannes, dessen Vermögen parallel zur Radikalisierung des NS-Regimes explodierte. Während jüdische Mitbürger ausgeplündert und vertrieben wurden, nutzte Bauer die Gunst der Stunde für seine Expansion.
Das Verlags- und Druckereigebäude von Heinrich Bauer an der Schützenpforte 11 existierte seit Mitte der 1920er-Jahren. Im November 1925 verlegte Heinrich Bauer seine Druckerei in den Neubau an der Schützenpforte 11. Im Juli 1938 erweiterte das Unternehmen den Besitz an der Straße unter Ausnutzung eines Raubkaufs des Nachbargrundstücks Schützenpforte 9. Das Gebäude Schützenpforte 11 wurde im Juli 1943 durch Bombenangriffe stark beschädigt, insbesondere brannte das als Lager genutzte Dachgeschoss aus, während der Maschinenpark weitgehend erhalten blieb. In den 1950er-Jahren wurde der Straßenname „Schützenpforte“ aufgehoben und die Straße eingeebnet. Sie würde heute mitten durch das Verlagsgebäude der Bauer Media Group an der Burchardstraße 11 gehen.
Das Areal gehört heute zum Komplex der Bauer Media Group an der Burchardstraße 11.
Eine wundersame Geldvermehrung
Wer die Einkommensentwicklung Alfred Bauers betrachtet, erkennt schnell, dass der Verlag allein diesen Reichtum nicht erklären kann. Verdiente Bauer als angestellter Verlagsleiter im Jahr 1933 noch 27.968 Reichsmark (RM), so war sein Jahreseinkommen 1937 bereits auf 261.056 RM gestiegen. Im Jahr 1939 erreichte es schließlich 388.332 RM.
Die britischen Besatzungsbehörden stellten 1949 fest, dass diese massive Steigerung „zum großen Teil auf den Erwerb der Grundstücke zurückzuführen“ sei. Tatsächlich erwarb Alfred Bauer zwischen 1938 und 1939 acht Häuser, wodurch er sich und seiner Familie durch Mieteinnahmen eine sichere Vermögensbasis schuf. Diese Immobilien stammten jedoch nicht aus regulären Marktgeschäften – sie waren jüdisches Eigentum, das im Zuge der sogenannten „Arisierung“ den Besitzer wechselte.
Die „Arisierungs“-Objekte: Kauf unter Zwang
Alfred Bauer nutzte die Notlage jüdischer Familien, die verzweifelt versuchten, durch den Verkauf ihres Hab und Guts ihre Flucht aus Deutschland zu finanzieren. Die Liste der erworbenen Objekte liest sich wie eine Chronik der Vertreibung:
- Hoheluftchaussee 93: Bauer kaufte dieses Haus von Paul Dessauer für 35.000 RM in bar. Vom Kaufpreis wurden 4.000 RM abgezogen und als „Spende“ an den Sozialfonds des Reichsstatthalters überwiesen – eine klare Bereicherung des NS-Staates auf Kosten des Verfolgten. Zudem übernahm Bauer auch Dessauers Unternehmen, das Kaufhaus Hoheluft (KaHo).
- Hoheluftchaussee 91: Dieses Objekt erwarb er von den jüdischen Eigentümern Bernhard und Elfriede David sowie Else und Leopold Lampert. Auch hier wurde der Kaufpreis gedrückt: 14.000 RM wurden als „Verzicht zu Gunsten des Erwerbers“ abgezogen. Keiner der vier Verkäufer überlebte den Holocaust; die Ehepaare David und Lampert wurden deportiert und ermordet oder wählten den Freitod.
- Löwenstraße 24–30: Diese Grundstücke kaufte Bauer von Ernst Salis Fränkel, der bereits nach England geflohen war und dringend Geld für die „Reichsfluchtsteuer“ seiner Tochter benötigte.
- Schöne Aussicht 22: Ein repräsentatives Grundstück an der Außenalster, das Bauer von den Erben des Konsuls Eduard Wolff erwarb. Wolff hatte sich 1938 aus Angst vor der Verhaftung das Leben genommen.
- Schützenpforte 9: Erworben aus einem Zwangsverkauf von E. und T. Braun.
Trotz dieser Fakten behauptete Bauers Grundstücksverwaltung 1949, alle Verkäufe seien aus „freiem Willen“ und „nicht im Wege der Arisierung“ geschehen.
Das Parteibuch als Schutzschild?
Im Jahr 1940 trat Alfred Bauer der NSDAP bei. Nach dem Krieg, als er sich vor den Entnazifizierungsausschüssen rechtfertigen musste, erklärte er diesen Schritt als reine Notwehr. In einem Fragebogen von 1946 gab er an, er sei nur eingetreten, um das Familienunternehmen zu retten. Die Nichtzugehörigkeit zur Partei sei zuvor als Anlass genommen worden, der Firma Schwierigkeiten zu machen. Diese Darstellung wirft Fragen auf angesichts der massiven wirtschaftlichen Vorteile, die Bauer durch das System genoss. Am 5. Mai 1949 war sein Entnazifizierungsverfahren beendet. Er wurde in die Kategorie V eingestuft: Entlastet. Die antisemitischen Hintergründe seiner Immobilienkäufe wurden im Verfahren verschleiert oder nicht tiefgehend geprüft.
Profiteur der Zwangsarbeit: Miete für ein Lager
Nicht nur durch Immobilienkäufe, sondern auch durch direkte Vermietung an die Stadt Hamburg profitierte Bauer vom NS-Unrechtssystem. Das Dachgeschoss des firmeneigenen Gebäudes in der Schützenpforte 11 (heute Burchardstraße 11), das durch Bomben beschädigt war, wurde als Zwangsarbeitslager genutzt.
Ein langes Schweigen und die Verweigerung der Verantwortung
Als nach 1945 die Rückerstattung der „arisierten“ Grundstücke sowie die Zahlung von Entschädigungssummen auf der politischen Agenda standen, versuchte Alfred Bauer eine Rückerstattung zu verhindern oder die Entschädigungssummen so gering wie möglich zu halten. In Wiedergutmachungsverfahren, etwa gegen den überlebenden Paul Dessauer, wehrte er sich juristisch gegen die Ansprüche und einigte sich oft erst spät auf vergleichsweise geringe Nachzahlungen.
Diese Haltung der Abwehr zog sich bis in die jüngere Vergangenheit. Als im Jahr 2000 die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) gegründet wurde, um ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen, verweigerte die Bauer Media Group die Einzahlung in den Fonds. Das Unternehmen landete auf einer „Schwarzen Liste“ der Verweigerer. In einem Telephonat mit der Redaktion der ARD Sendereihe „Kontraste“ zur Sendung „Die ‚schwarze Liste‘ der deutschen Wirtschaft: Kein Geld für Zwangsarbeiter?“ vom 26.10.2000 äußerten die Verantwortlichen des Bauer Verlages: "An uns ist noch niemand herangetreten und hat angefragt, für uns ist der Zwangsarbeiterfond kein Thema.“ (https://alfredbauerverleger.wordpress.com/2020/01/15/zwangsarbeit-fur-bauer-bislang-kein-thema/)
Und der damalige Verlagssprecher Andreas Fritzenkötter erklärte, warum der Bauer Verlag nicht in den Zwangsarbeiterfond einzahle mit den Worten, das Unternehmen lasse sich „nicht erpressen“. Man betrachte das Ganze als ein „politisches Problem“, das auf entsprechender Ebene geklärt werden müsse. (siehe: Taz Artikel „Die Drückeberger“ vom 27.10.2000, unter: https://alfredbauerverleger.wordpress.com/2020/01/15/zwangsarbeit-fur-bauer-bislang-kein-thema/
Erst Jahrzehnte später, unter dem Druck neuer Recherchen und Initiativen, begann eine zögerliche Aufarbeitung der Firmengeschichte.
Text: Holger Artus